Die Eiche – Königin aller Bäume – Buch

Text Urs Breitenstein, Bottmingen

Farb-fotos sabina roth + schwarz-weiss fotos peter gartmann

 

Über Eiche und Fels plaudern

spielt auf die Härte des Holzes an und meint soviel

wie über den Ursprung der Welt zu diskutieren

 

Der Baum ist Symbol ständiger Erneuerung, von Fruchtbarkeit, von Lebenskraft und ewigen Lebens. Der Baum als Ernährer und Beschützer. Die Sehnsucht nach Wiedergeburt und Unsterblichkeit ist im Menschen tief verwurzelt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass der Baum als archetypisches Sinnbild des Lebens in vielen Kulturen und Religionen einen wichtigen Stellenwert einnahm. Allen voran die Eiche.

Seit Jahrtausenden verbinden die Menschen den Eichenbaum mit Kraft, Macht, Stärke und Unsterblichkeit. Die hohe Symbolkraft führte dazu, dass die Eiche für viele Kulturen der Baum der Bäume war – die Königin aller Bäume sozusagen.

 

Denken wir an eine Eiche, haben wir denn auch meist das typische Bild vor Augen: Wir sehen eine mächtige, alte Eiche, mit dickem Stamm, rissiger Borke und knorrigen Ästen. Allein auf weiter Flur, dem Sturmwind trotzend, hält sie ihre Krone unerschrocken dem Himmel entgegen. Bereit, den nächsten Blitz zu empfangen. Wird sie getroffen, dann hat das vor allem zwei Gründe: Einerseits stehen Eichen häufig einzeln oder in grösserem Abstand zu anderen Bäumen. Denn Eichen sind Lichtbäume. Sie brauchen Raum und Licht, um sich gesund entwickeln zu können. Andererseits wachsen sie gerne über unterirdischen Wasserläufen, in die sie ihre langen Pfahlwurzeln strecken. Auch wenn die Königin vom Blitz getroffen, ihre Krone verliert, der Stamm gespalten wird, so bleibt sie standhaft und würdevoll stehen. Noch viele Jahrzehnte lang.

 

 

Ein Baum mit hoher Symbolkraft

Wenn sie sprechen könnten, die alten Eichen. Sie hätten uns viel zu erzählen. Denn als eine der ersten Baumarten nach der grossen Eiszeit gibt es sie seit Jahrtausenden. Und schon früh verehrten die Menschen die Eiche als heiligen Baum und nutzten ihre heilenden Kräfte. Wegen ihrer Lebenskraft dienten Eichen auch zum Bannen von Krankheiten. Die keltischen Priester, die Druiden (dair, auch duir = Eiche), waren «Eichenkundige». Nur sie durften im 6. Mond des Jahres mit einer goldenen Sichel die Eichenmistel schneiden, die als Heil- und Schutzmittel verwendet wurde.

Der römische Schriftsteller Plinius schrieb dazu: «Nichts ist den Druiden heiliger als die Mistel und der Baum, auf dem sie wächst, besonders, wenn es eine Eiche ist.» Auch heute noch wird die Eichenmistel in der homöopathischen Medizin verwendet.

 

Im Verlaufe der Geschichte weihten verschiedene Kulturen die Eiche je einem bestimmten Gott. Bei den Griechen war es Zeus, bei den Römern Jupiter – die Götter des Blitzes. Bei den Germanen wurde sie Donar, dem Donnergott, zugesprochen. Unter einer Eiche oder in Eichenhainen errichteten sie seine Opferstätten. Es ist offensichtlich: Die Verbindung zwischen Gott und Eiche kam nicht von ungefähr. Strahlte sie nicht auch Kraft, Macht und Stärke aus – Attribute, die Göttern und Herrschenden zustanden? Unter Eichen tagten auch Gerichte.

 

Im Laufe der Jahrhunderte wurden der Eiche verschiedene Wirkungen zugeschrieben. Diese beruhten jedoch mehr auf Wunschdenken als auf Tatsachen. So sollten Eichenblätter Löwen bannen oder ein Eichenpfahl im Misthaufen sollte Schlangen verscheuchen.

 

In der Romantik lebten die alten keltisch-germanischen Mythen wieder auf. Zauberwälder umsäumt von alten Eichenbäumen und die Sehnsucht nach der unberührten Natur waren Schwerpunkte der Dichter und Maler. Goethe, so heisst es, soll unter einer jahrhundertealten Eiche die «Walpurgisnacht» im «Faust» geschrieben haben. Die Romantik stärkte aber auch das Sinnbild der Eiche als archaisches, würdevolles und beständiges Wesen. Sie war geradezu prädestiniert, um in Deutschland zum Symbol des Heldentums zu werden. «Treu und unerschütterlich wie die deutschen Eichen» hiess der Wahlspruch. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts gilt das Eichenlaub auch als Siegeslorbeer.

 

Von all den Eigenschaften, die der Eiche zugeschrieben wurden und werden, dürfen wir eine nicht vergessen: Die Eiche als Kraftspenderin. In einer ruhelosen Zeit wie heute besinnt sich so mancher auf die regenerierende Wirkung der Natur. «Gesund wie eine Eichel.» Diese Redensart steht für kerngesund. Wie die Eiche das Urbild der Kraft, so ist ihre Frucht das Bild der Gesundheit und Frische.

 

 

Der Eichenhain von Schloss Wildenstein

Als Heinrich von Eptingen 1293 den Wohnturm der Burg Wildenstein baute und sich selbst «von Wildenstein» nannte, ahnte er nicht, welch turbulente Zeiten seine Burg vor sich hat. Verkauft, vererbt, verschenkt und erstürmt, wanderte Wildenstein über die Jahrhunderte von einer Hand in die andere. Bis das Schloss 1792 an die Familie Vischer aus Basel überging. Umfangreiche Aus- und Umbauten wurden in der Folge durchgeführt. 1994 erwarb der Kanton Basel-Landschaft Wildenstein.

 

Der Eichenwitwald von Wildenstein ist ein einzigartiges Naturschutzgebiet, umgeben von einem letzten Stück mittelalterlicher Kulturlandschaft. Er ist wohl der eindrücklichste und letzte Zeuge einer jahrhundertealten Vergangenheit.

 

Es sind Stiel- und Traubeneichen, die im Eichenhain wachsen. Manche von ihnen sind über 500 Jahre alt. Die älteste Eiche lässt sich sogar auf das Jahr 1488 zurückdatieren. Kein Wunder, heisst es doch, die Eichen können über 1000 Jahre alt werden. Und kaum vorstellbar, dass auch in so hohem Alter immer noch Blätter aus ihren Ästen spriessen und sie Früchte tragen. Ihren Namen tragen die Eichen auf Grund der Art und Weise, wie ihre Früchte auf den Stielen sitzen. Die Eicheln der Stieleiche wachsen an längeren Stielen. Die der Traubeneiche hängen in Traubenform an kurzen Stielen.

 

Mächtige, alte Eichen wurden in regelmässigen Abständen gepflanzt und über Jahre gehegt und gepflegt. Zerfurcht und knorrig stehen sie da. Die Äste weit ausgebreitet, die Krone stolz gegen den Himmel gerichtet – majestätisch, auch noch im hohen Alter. Vielen Stürmen haben die Königinnen getrotzt, viele Frühlinge, Sommer, Herbste und Winter hinter sich gelassen. Die tiefen Furchen in der Rinde zeugen davon. Wind, Sonne, Regen und Kälte haben sie gezeichnet. Da und dort liegen schwer und müde abgebrochene Äste am Boden. Warum vermochte sie die Eiche nicht mehr zu tragen? Waren sie morsch, und der Sturmwind hat sie abgerissen? Entstanden sind dunkle Asthöhlen. Was sich wohl darin verbergen mag?

 

Baumelfen, Dryaden, sollen in den Eichenbäumen leben, sagt ein Volksglaube bei den alten Griechen. Wer im Frühling oder Sommer durch den belaubten Eichenhain spaziert, wird sie vielleicht lachen hören – neben dem Summen, Brummen und Vogelgezwitscher.

 

Kein anderer Baum gibt so vielen Tieren und Pflanzen Nahrung, Wohnung und Schutz wie die Eiche – was auch folgende Namensgebungen belegen: Eichhörnchen, Eichelhäher, Eichengallwespe usw. Im Eichenhain von Wildenstein wurden bis zu 1000 Tier- und Pflanzenarten gezählt, darunter: Hirschkäfer, Eichenbockkäfer, Nachtfalterarten wie Eichenzahnspinner und grosser Eichenkarmin, die Schmetterlinge Grüner Eichenwickler und Blauer Eichenzipfelfalter, Eichenschrecke, Wildbienen, Grünspechte, Buntspechte sowie bis zu 140 verschiedene Flechten und 20 verschiedene Pilze fühlen sich hier heimisch.

 

So viel junges Leben neben so viel Alter und Weisheit! Jede Eiche hat hier ihren Platz. Auch die Bäume, deren Gipfel gebrochen und deren Krone verdorrt sind. Man muss sie einfach bewundern: welche Standhaftigkeit, welches Selbstbewusstsein und welcher Überlebenswille. Stoisch stehen sie da, ähnlich der Eiche auf dem berühmten Bild von Caspar David Friedrich «Der einsame Baum».

 

 

Wichtiger Nutzbaum für viele Kulturen

Mit idealtypischen Landschaften versuchten die Maler der Romantik eine Gegenwelt zum Rationalismus zu schaffen: Motive waren lichte Wälder mit alten Bäumen, sowie der Eichenwitwald von Wildenstein. Oder freistehende Exemplare wie die Eiche auf dem Bild von Caspar David Friedrich. Was die Maler aber wirklich zeigten, waren Abbildungen von Kulturlandschaften, die durch menschliche Nutzung entstanden sind.

 

Der Name Eiche kommt aus dem lateinischen «esca» = Speise, was sich auf die Eicheln bezieht. Die Früchte der Eichen waren die erste und ursprünglichste Nahrung der Menschen – Plinius, 1. Jh., Naturkunde.

 

Seit dem Mittelalter betrieben die Bauern die Dreifelderwirtschaft. Diese Wirtschaftsform brachte mit sich, dass das Vieh aus Mangel an Weideflächen auch im Walde weiden musste. Das wiederum beeinflusste den Jungwuchs, so dass sich die Wälder lichteten. Es entstanden die sogenannten Weide- oder Witwälder. Im Herbst trieb man die Schweine in Eichenwitwälder. Denn die Früchte der Eiche, die Eicheln, sind besonders nahrhaft. Und verleihen dem Schinken einen einmalig würzigen Geschmack.

 

“Unter den Eichen wachsen die besten Schinken.”

Sprichwort

 

Ob Rinde, Holz, Früchte oder Blätter – die Eiche wurde über die Jahrhunderte intensiv genutzt. Die gerbstoffreiche Rinde beispielsweise wurde in der Heilkunde bei Entzündungen oder zur Gewinnung von Gerberlohe verwendet. Die Früchte wurden nicht nur zur Schweinemast genutzt. Speziell in Notzeiten wurden sie zu Eichelkaffee und Eichelkakao verarbeitet. So auch noch anfangs des 20. Jahrhunderts während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Ein Hauptgrund für die Unentbehrlichkeit der Eiche war aber ihr Holz: hart, dauerhaft und unter Wasser nahezu unvergänglich. Diese Attribute machten die Eiche zum Symbol der Unsterblichkeit. Aus Eichenholz wurden Schiffe, Eisenbahnschwellen und Wasserräder für Mühlen gebaut; zur Lagerung von Wein und Schnaps wurden Eichenfässer gefertigt; Türen, Brücken, Häuser und Glockenstühle wurden aus Eichenholz gezimmert. Die Eiche galt für die Engländer als «father of the ships». Kolonialisierung und Handel mit Übersee wurden erst durch die Verwendung der Eiche möglich. Die Vorzüge von Eichenholz werden immer noch geschätzt. Auch wenn es nicht mehr so häufig verwendet wird. Denn Eichenwälder sind rar geworden. Insbesondere die Eichenwitwälder sind fast gänzlich verschwunden. Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt der Siegeszug der Kartoffel und die Intensivierung der Landwirtschaft.

 

 

Achtsamkeit und Wertschätzung

Dass wir heute im Baselbiet noch durch einen Eichenwitwald spazieren können, verdanken wir der Umsichtigkeit der Besitzer von Wildenstein. Sie haben die Wichtigkeit der Eiche als Kulturmonument und Kulturzeuge frühzeitig erkannt. Der Verlust der Eiche, dieses Kraftspenders für Mensch und Tier, wäre unverzeihlich.

 

Vermittelt uns die Eiche doch Ruhe, Sicherheit und Stabilität in einer hektischen, schnellen Zeit. Mit ihrem langsamen, aber stetigen Wachstum bildet sie einen Gegenpol zur Schnelllebigkeit und zur Massenproduktion. Kann sich heute noch jemand vorstellen, dass eine Eiche bis zur Schlagreife 200 Jahre alt werden muss? Und je älter die Eiche, desto wertvoller wird ihr Holz und was daraus entsteht. Wie ein Wein, der, je länger gelagert, desto besser wird. Die Verbindung von Eiche und Wein könnte indes ein weiterer vielversprechender Ansatz sein. Denn Eichenholz und die Kunst der Küferei erobern ihre Stellung zurück. Vielleicht trägt diese Entwicklung zur Wiederbelebung des Interesses an der Eiche bei. Und damit zu mehr Achtsamkeit und Wertschätzung gegenüber einem der ältesten Bäume der Weltgeschichte – der Königin aller Bäume.

 

 

Das Alter der Eichen ist im Vergleich

zum Menschenleben beinahe die Ewigkeit.

Wer also Eichen pflanzt,

denkt nicht an seine Kinder oder Grosskinder,

sondern er glaubt an die Zukunft.

 

 

 

Urs Breitenstein, Bottmingen

 

 

zu den eichen bildern in farbe

zu den eichen bildern in schwarz-weiss

 

zu den bildern – tree sculptures – art book

<

die eiche – the oak – eichenwitwald auf wildenstein, bubendorf – buch und farb-fotos – by sabina roth – roth – art + photography – kunst + fotografie – fotografie + kommunikation – basel, zürich, schweiz, switzerland – art paintings – represented by marco stücklin – www.marco-stuecklin.ch – susanne minder bildarchiv – art picture collection susanne minder – art collection susanne minder